Urner Bäume, die noch heute blühen

Anton Arnold hat die Stammbäume aller noch lebenden Urner Geschlechter aufgezeichnet. Ein Werk jahrelanger Kleinarbeit ist zu Ende gebracht.
30.07.2007
Bis in die Gegenwart sind Familiennamen ausschliesslich über den Geschlechtsnamen des Vaters tradiert worden. Es ist dies ein prägnanter Ausdruck patriarchaler Verhältnisse, ist doch ein Name gleichsam ein Spiegel des eigenen Ich. Das Vorrecht der «Vaterlinie» (das Fachwort dafür lautet Stammlinie) brachte den Verwandten der Väter jedoch nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten: Bereits im ältesten noch erhaltenen Urner Landbuch aus dem 17. Jahrhundert steht als Bestimmung hinsichtlich derjenigen, die ihren Lebensunterhalt nicht selber aufbringen können (seien es Kinder, Kranke oder alte Leute), dass die nächsten Verwandten «vattermag» («mag» kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet Verwandter) für sie sorgen müssen. Diese können bis ins fünfte Glied herangezogen werden, und erst dann, wenn sich niemand finden lässt, der (finanziell) dazu in der Lage ist, dürfen Verwandte mütterlicherseits herangezogen werden, und zwar ebenfalls bis ins fünfte Glied. Dieses System fand im Wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert hinein Anwendung, allerdings konnte man mit dem Wort «vattermag» nichts mehr anfangen, daraus ist das «Vatermark» geworden. Ein Wort, das sich interessanterweise nur im Kanton Uri findet.

Der Stammbuchführer

In den grossen Armutskrisen jener Zeit zeigten sich dann die Nachteile des Systems in aller Deutlichkeit: Es führte dazu, dass Familien mit vielen Armen immer mehr verarmten, während wohlhabende Familien von einem Beitrag an das Armenwesen verschont blieben.
Damit das System funktionierte, war eine Übersicht über diese männliche Abstammungslinie, die Stammlinie, erforderlich. In Uri wurde dafür ein eigentlicher Stammbuchführer bestimmt. Er hatte diese Stämme getreulich nachzuführen. Dabei wurden nur diejenigen erfasst, die selber wieder einen männlichen Nachkommen und damit das Geschlecht fortgeführt haben. Man kann deshalb die Linie der Urner Geschlechter väterlicherseits bis weit zurück, in der Regel bis zum Beginn der Kirchenbücher, verfolgen. Obwohl es sich dabei um eine blosse Abfolge von Namen handelt, und man über das Schicksal der dahinter stehenden Personen meist nichts weiss, stossen diese Namen auf lebhaftes Interesse, und die in Form von Stammtafeln, optisch oft in Form eines Baumes dargestellte Geschlechterabfolge wird vielfach bewundert.

Grosses Interesse und viel Ausdauer

Anton Arnold, der väterlicherseits aus dem grossen Geschlecht der Glattenrieder-Arnold von Bürglen (mit 68 Verwandten) und mütterlicherseits von den Bissig aus Unterschächen (mit 129 Verwandten) stammt, hatte als 17-jähriger Schüler erstmals eine solche Stammtafel in Form eines Stammbaumes gesehen. Sofort war er davon fasziniert und beschloss, einen Stammbaum seiner Grossfamilie zu zeichnen. Und wie es bei Jugendlichen so geht: Andere Interessen schieben sich in den Vordergrund; die Sache gerät in Vergessenheit. Erst viel später - im Alter von 42 Jahren - setzte er seinen Entschluss um und begann mit der Darstellung des Stammbaums seines Geschlechts. Er hatte aber kaum Kenntnisse von der Arbeitsweise des Genealogen und auch keine Erfahrung, wie man die erforderlichen Daten findet. Zuerst begann er in seiner Familie Fragen zu stellen, kam damit allerdings nicht sehr weit. Ein Arbeitskollege riet ihm, sich im Urner Staatsarchiv zu erkundigen. Der damalige Staatsarchivar ermunterte ihn, und Toni Arnold begann, versehen mit einem spitzen Bleistift, die Daten zu sammeln.
Die Technik des Stammbaumzeichnens musste er sich ganz alleine beibringen. Anton Arnold ist ein typischer Autodidakt. Um zu den Daten zu kommen, besuchte er die einzelnen Gemeinden. Doch damals, am Anfang der Achtzigerjahre, waren noch nicht alle bereit zu kooperieren und ihm die entsprechenden Unterlagen anzuvertrauen. Es kam auch vor, dass man die Daten für ihn abschrieb, aber mangels Kenntnis der alten Schrift kam es dabei oftmals zu groben Fehlern. Da half ihm der damalige Staatsarchivar Dr. Hans Stadler mit einem Gutachten. Darin hiess es, Anton Arnold sei ein qualifizierter Forscher, und nun öffneten sich ihm alle Türen.

Toni Arnold mit dem Stammbaum seiner Familie

Zwei Jahre vor der Pensionierung beschloss Toni Arnold, die Arbeit auszuweiten und die Stammbäume aller lebenden Urner Geschlechter zu zeichnen. Und seither arbeitet er unermüdlich daran. Wenn man ihn trifft und mit ihm plaudert, drängt er nach einiger Zeit, er müsse weitermachen. Mit dem Staatsarchiv hat er eine Vereinbarung getroffen, wonach dieses jeweils eine Kopie der Stammbäume erhält. Das Eigentumsrecht hat er sich jedoch bis zu seinem Tod vorbehalten. Und das Original deponiert er in einem eigens eingerichteten Keller in seinem Haus. Auf diese Weise sind über 100 Blätter von 75 noch lebenden Urner Geschlechtern entstanden. In diesen Tagen wird er damit fertig. Doch er will noch nicht aufhören, es fehlen noch einige ausgestorbene Geschlechter.
Fasziniert ist Anton Arnold weniger von der Abfolge der Familien, die er quasi abbildet, sondern vor allem vom Zeichnen. Und die Arbeit an seinen Stammbäumen ist für ihn, der im Alter schwerhörig geworden ist, nicht nur eine Kompensation für die erschwerte Kommunikation, sie ist ihm zum eigentlichen Lebenssinn geworden. Und manchmal gab es auch rechte Höhepunkte. Etwa, als ein Amerikaner namens Epp auf der Suche nach seinen Vorfahren an ihn verwiesen wurde und er aufgrund dessen Angaben die Abstammungslinie zum Erstaunen des Amerikaners genaues­tens rekonstruieren konnte.

Das Ende einer Ära

Das Ende seiner Arbeit markiert auch das Ende einer Ära. Man wird künftig Stammbäume in der Regel nicht mehr zeichnen, sondern gibt sie in Computerprogramme ein, von denen schon viele auf dem Markt sind. Was Toni Arnold so fasziniert hat, das Malen, fällt damit weg. Zum anderen zeichnet sich in der Genealogie ein Umbruch ab. Die «vattermag», die Väterlinie hat ihre Bedeutung verloren: die weiblichen Nachkommen sind genauso wichtig wie die männlichen. Dieser gesellschaftliche Umbruch hat auch in der Genealogie zu Veränderungen geführt: an die Stelle von Stammtafeln treten jetzt vermehrt sogenannte Ahnentafeln, in denen Mann und Frau gleichermassen berücksichtigt werden, was aber für den Ahnenforscher die Sache nicht einfacher macht.
Im Judentum übrigens ist die Zugehörigkeit zum Judentum über die matrilineare Abstammung bestimmt, der Familienname allerdings über die Vaterlinie, und das Erstellen einer Mutterlinie ist wesentlich schwieriger als diejenige über die Stammlinie der Väter; deshalb reichen jüdische Tafeln in der Regel nicht sehr weit zurück. Man könnte die Kombination von Mutterlinie und Vaterlinie vielleicht auch für die Ahnenforschung in Uri versuchen, dann würden längst ausgestorbene und vergessene Geschlechter, wie beispielsweise die Schattdorfer Zurenseller, ebenfalls weiterexistieren.

Peter Moser


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